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Warum Frauen in der Tech-Branche wichtig sind

“Wie Stellenausschreibungen für Frauen in den Bereichen Tech und Digital Vorurteilsfrei geschrieben werden können” - so lautete der Titel des Workshops, den ich bei der Witty Works GmbH in Zürich besuchte. Meine Beweggründe: Ich wollte verstehen, warum es so wenige Frauen im Tech Bereich gibt und wie ich in unserem Team bei WONDROUS einen Beitrag leisten kann, um diese Situation zu verbessern.

Lesezeit 6 min

Portrait of Lydia Kuner
by  Lydia Kuner

Die Bedeutung von Stellenanzeigen

Konkret geht es an diesem Morgen darum, die erste Hürde zu beseitigen, die Frauen davon abhält, sich für Jobs in der Tech-Branche zu bewerben.

Die Tech-Welt wird derzeit von Männern dominiert - in der Schweiz arbeiten nur 15 % der Frauen in diesem Sektor.

Zur Stimmung

Der Empfang ist sensationell - in den hellen, einladenden und offenen Räumen von Witty www.witty.works fühle ich mich sofort wohl, der Kaffee ist lecker, die beiden Workshopleiterinnen sympathisch und voller Energie. Wenn ich mich hier so willkommen fühle bin ich mir sicher, dass ich es definitiv mit Profis zu tun habe, die daran arbeiten, Barrieren für Frauen in der Tech-Branche abzubauen. Aber ich bin mir auch sicher, dass attraktive Räumlichkeiten und ein herzlicher Empfang nicht alles sind - nun, ich bin hier, um mehr herauszufinden.

Attraktive Stellenanzeigen

Meine erste Lektion zu diesem Thema: Frauen lesen und interpretieren Stellenanzeigen anders als Männer. Sowohl die Sprache als auch der Inhalt werden anders wahrgenommen. Tatsächlich kann das, was für Männer attraktiv ist, Frauen sogar davon abhalten, sich auf die Stelle zu bewerben. In der Regel wird in überwiegend männerdominierten Branchen die männliche Sprache verwendet.

Ich erfahre, dass viele Frauen daraus schliessen, dass es in diesem Unternehmen nur wenige oder gar keine Frauen gibt, sie sich nicht zugehörig fühlen oder die angebotene Stelle nicht attraktiv finden. Mein Take-away: Öffnen Sie die Augen bei der Wortwahl.

Weiter: Die meisten Frauen lassen sich von langen Anforderungslisten abschrecken: Wie die Statistik zeigt, bewerben sie sich nur ungern, wenn sie sich nicht zu mindestens 90 Prozent in dem Stellenangebot wiederfinden. Männer hingegen schicken Bewerbungen mit einer 40%igen Übereinstimmung ab.

Beide Punkte kann Witty aus vielen Gesprächen mit Frauen in der Tech-Branche bestätigen. Diese Situation wird zusätzlich durch wissenschaftliche Studien belegt (Gaucher, Danielle, Justin Friesen, und Aaron C. Key "Evidence That Gendered Wording in Job Advertisements Exists and Sustains Gender Inequality." Journal of Personality and Social Psychology 101.1(2011)).

Der Eindruck hält an

Der Workshop vergeht wie im Fluge und ich bin fasziniert von den vielen neuen Erkenntnissen. Auf dem Rückweg im Zug beschliesse ich, mich mit dem Thema Diversity näher zu beschäftigen - denn Stellenausschreibungen, die Frauen ansprechen, sind sicher nicht genug.

Über den Bedarf an Frauen in der Tech-Branche

Natürlich teile ich die Nachricht über den Workshop begeistert mit allen, meiner Familie, meinem Team und meinen Freunden und teile generell meine Begeisterung für das Thema an vielen Stellen. Tatsächlich stellt sich die Frage, warum es mehr Frauen in der Tech-Branche braucht? Warum ist es so wichtig, dass mehr Frauen in Tech-Teams mitentwickeln und mitarbeiten? Ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema die Initiativen stärkt.

Zum einen ist es notwendig, weil es wünschenswert ist, dass die digitale Transformation Vorteile für die gesamte Gesellschaft bringt, so dass auch Frauen davon profitieren und keine Angst haben müssen, dass sie durch den Wandel in Zukunft schlechter gestellt sind als jetzt. Hinzu kommt, dass durch die künstliche Intelligenz neue Berufsbilder entstehen werden, von Frauen und Männern wird erwartet, dass sie die entsprechenden Fähigkeiten mitbringen, mobil sind und über technologisches Wissen verfügen. Männer mit Wurzeln in der Tech-Branche haben hier noch einen Vorsprung.

Andererseits ist es wichtig, weil auch Frauen die neu entstehenden Technologien nutzen werden und sie deshalb idealerweise auch die Bedürfnisse von Frauen erfüllen sollten.

Es macht daher keinen Sinn, wenn sie hauptsächlich von Männern entwickelt werden, ohne dass Frauen an der Co-Kreation beteiligt sind. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass eine rein männliche Perspektive in der Produktentwicklung für Frauen und andere Nutzergruppen sogar schädlich sein kann - wie das Beispiel der Unfallverletzungen von Frauen und Jugendlichen durch Airbags zeigt. Diese wurden ausschließlich mit Dummys getestet, die die Maße eines durchschnittlichen Mannes hatten…

Es ist wahrscheinlich, dass auch ein rein weibliches Team diesen Fehler gemacht und ein für Männer ungeeignetes Design geschaffen hätte, daher macht es wenig Sinn, weibliche Teams herauszufordern. Vielmehr geht es darum, Frauen in der Tech-Branche zu fördern, damit mehr oder sogar möglichst viel Vielfalt in Bezug auf unterschiedliche Perspektiven, Ideen und Standpunkte entsteht.

Ein epischer Fehlschlag

Das ePad Femme - "das erste Tablet der Welt, das ausschließlich für Frauen gemacht ist" - wurde ein Flop. Meiner Meinung nach ist dieser Misserfolg ein typisches Beispiel für den Mangel an Frauen in der Entwicklung.

Das "ePad Femme" bedient alte Klischees (statt Rollenklischees); es ist rosa, enthält vorinstallierte Apps für Kochen, Schwangerschaft und Gewichtsreduktion etc. und wurde von rein männlichen Teams entwickelt. Die Zielgruppe - Frauen - bewertete das Produkt sehr negativ und lehnte es ab - zu klischeehaft, zu wenig Qualität. Die weibliche Perspektive spiegelt sich in diesem Produkt nicht wieder und es wird keine Rücksicht darauf genommen, dass es innerhalb der Zielgruppe "Frauen" unterschiedliche Bedürfnisse, Vorlieben und Wissensstände geben kann. - Das ist nicht nur sexistisch, sondern mehr als das, es ist ignorant. Eine oder besser zehn weibliche Perspektiven im Team hätten hier bei der Entwicklung sicher geholfen...

Offensichtlich werden Frauen in der Tech-Branche gebraucht - aber wie kann man sie gewinnen und halten?

Ich bin mir sicher, dass ich Sie inzwischen alle davon überzeugt habe, dass Frauen in der Tech-Branche eine Notwendigkeit sind. Und ich habe gelernt, wie ich die Tür mit attraktiven Stellenanzeigen für Frauen ein wenig öffnen kann, aber was wird noch gebraucht? Wie kann ich die Tür weiter öffnen und was müssen wir tun, damit Frauen bleiben wollen?

Kultur

Wir müssen eine Unternehmenskultur entwickeln, in der Frauen nicht ausgeschlossen werden, denn in einem männerdominierten System umgeben sich Gleiche gerne mit Gleichen. Eine Kultur, die von Unterstützung, Kooperation und Fürsorge geprägt ist und die vor allem in der Führung gewünscht und verankert ist.

Vorbilder

Frauen brauchen Vorbilder, denn Vorbilder geben die notwendige Orientierung und man kann von ihnen lernen und sich von ihnen inspirieren lassen. Generationen von Frauen sind mit Rollenbildern aufgewachsen, die sich auf den Haushalt und die Kindererziehung beschränkten. Deshalb braucht es jetzt sichtbare Frauen, die neue Modelle darstellen, die zeigen, dass auch ein erfülltes Berufsleben eine Rolle spielen kann. Wir sollten Frauen ermächtigen und ihnen helfen, Sichtbarkeit zu erlangen, damit sie andere anziehen können.

Familie und Beruf unter einen Hut bringen

Gerade wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, erhalten Frauen vor allem dann Unterstützung, wenn sie von weiblichen Führungskräften und Kollegen umgeben sind. Die Arbeitsbedingungen müssen familienfreundlich sein, da Frauen in diesem Bereich immer noch den größten Beitrag leisten. Wenn wir Frauen dabei unterstützen, beides leichter zu vereinbaren, haben wir schon viel gewonnen.

Offene Tür bei WONDROUS

Zu meiner Freude haben wir bei WONDROUS schon vieles realisiert:

Unsere Unternehmenskultur ist vielfältig, kollegial und offen für Frauen - im Leadership Team sind es bereits 40 %, was zeigt, dass der unterstützende Rahmen geschaffen wurde. Um den Frauenanteil auch in anderen Bereichen zu erhöhen, suchen wir aktiv nach weiblichen Fachkräften. Und wir kümmern uns direkt um den Nachwuchs und bieten Ausbildungsplätze und Praktika an - bei den Auszubildenden sind wir aktuell bei 50/50. 

Außerdem haben wir ein paar Goodies, die Frauen unterstützen: ein Weiterbildungsbudget, das Lernen und Kompetenzerweiterung fördert, flexible Arbeitszeiten, Teilzeitarbeit und Homeoffice - für mehr Raum zur Familienorganisation. Wichtig ist, dass es hier keine Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern gibt.

WONDROUS Frauen nächste Schritte

Dennoch ist unser Frauenanteil immer noch viel zu niedrig und wir haben noch einen weiten Weg vor uns, bis wir unser 50/50-Ziel erreicht haben. 

Deshalb sind wir motiviert, an der Umsetzung weiterer Ideen wie einem frauenfreundlichen Recruiting-Prozess, einer verlängerten Elternzeit für Mütter und Väter und der Förderung weiblicher Präsenz zu arbeiten, indem wir unsere Frauen dabei unterstützen, sichtbar zu werden und z.B. mehr weibliche Sprecherinnen für unser DX Meetup als Vorbilder zu suchen.

Ich bin sehr dankbar für den Workshop bei Witty und die gewonnenen Einblicke und Perspektiven. Es war ein Vormittag unter aktiven, engagierten Frauen, sehr gut vorbereiteter Input zum Thema und eine Inspiration, tiefer in das Thema einzusteigen. Für mich war es der Startschuss für "Welcome Women@WONDROUS".

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This is Lydia

A smile is my favourite curve.

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